Love Exposure 10/10

Love Exposure 10/10

loveexposureposterYu ist eigentlich ein braver Schüler, der um die Aufmerksamkeit seines Priester-Vaters jedoch mit kleineren und größeren begangenen Sünden buhlt. Vor allem sexuelle Entgleisungen scheinen dem Vater Zuneigung zu entlocken. Als er bei einem seiner voyeuristischen Streifzüge auf seine große Liebe Yoko trifft, wird es kompliziert: Sie ist die Tochter der Affäre seines Vaters, die von nun an mit ihm unter einem Dach lebt. Als seine ganze neue Familie von einer wahnsinnigen Sekte gekidnappt wird, beginnt für Yu der große Kampf um seine Liebe.

Ich mag lange Filme, doch bei einer Laufzeit von sage und schreibe 237 Minuten werde auch ich skeptisch. Oftmals bringt ein derart optimistischer Zeitansatz lediglich Monotonie, Langeweile sowie beginnende Müdigkeitserscheinungen mit sich. Ist „Love Exposure“ also zu einem moderaten Schlafmittelchen verkommen? Die klare Antwort: Nein, ganz und gar nicht…

Inhaltlich gesehen, hat uns der japanische Regisseur Sion Sono mit Filmen wie „Suicide Club“ oder „Strange Circus“ schon das eine oder andere Mal ziemlich kalt erwischt. Dementsprechend durfte man auch beim hier besprochenen „Love Exposure“ ein recht skurriles Machwerk erwarten. Und siehe da, der Gute Sion Sono hält, was er verspricht.
Dem Zuschauer wird eine Story aufgetischt, die vor Ideenreichtum nur so trieft. Fast ständig überschlagen sich die Ereignisse, allerdings ohne dass der für diese Laufzeit enorm wichtige rote Faden verloren geht. Die in Kapiteln aufgebaute Geschichte wird immer wieder aus der Sicht von verschiedenen Charakteren erzählt. So lernt man die Figuren kennen, man lernt sie lieben, man lernt sie hassen. Und wenn die ersten 50 Minuten vergangen sind – wird der Filmtitel eingeblendet… Bemerkenswert.
So zieht „Love Exposure“ seine wundervolle Handlung von Höhepunkt zu Höhepunkt – und nach vier Stunden ist man traurig, dass alles schon vorbei ist…
Die Story ist höchst interessant, fantastisch erzählt und fesselnd aufgebaut. Ich bin schlichtweg begeistert!

Um die wahnsinnig anspruchsvollen Rollen der Hauptcharaktere über eine Laufzeit von vier Stunden überzeugend darzustellen, braucht es natürlich äusserst talentierte Schauspieler. Und auch in diesem Punkt hat Sion Sono nicht ins Klo gegriffen.
Eigentlich wurden sämtliche Rollen sehr überzeugend besetzt, allerdings stechen in diesem hochstehenden Cast dann doch zwei Namen heraus:
Takahiro Nishijima beweist in seiner Interpretation des Hauptprotagonisten „Yu“ eine grandiose Wandlungsfähigkeit. Zuerst der brave Kirchenjunge, dann der Grossmeister aller Perversen, und zum Ende noch der geistesgestörte Irre mit dem Samurai-Schwert. Wundervoll.
Was uns aber Hikari Mitsushima als „Yoko“ aufs Parkett zaubert, ist schlicht und ergreifend weltklasse. Einfach unglaublich, welche Präsenz die junge Schauspielerin in so ziemlich jeder Szene ausstrahlt. Und die Szene am Meer, über Yu kniend, die Bibel zitierend – ich bin sprachlos. Einfach…magisch. Und ach ja, by the way, verflucht ist die hübsch!!

Auf den technischen Teil möchte ich natürlich ebenfalls sehr gerne eingehen, selbst wenn es in diesem Punkt eher weniger zu erzählen gibt. Eigentlich verzichtet der Film weitgehend auf Spezialeffekte, und greift er zum Beispiel in Gewaltszenen doch in die Trickkiste, dann sieht das Ganze sehr ansprechend aus. Sehr hübsch gewählt sind die abwechslungsreichen Kulissen, Regisseur Sion Sono hat für seinen epischen Film ziemlich viele Schauplätze ausgewählt. Bei einer der hier gebotenen Film-Überzeit mit Sicherheit kein Fehler.
Besonders erwähnenswert ist der geniale Soundtrack. Je nach Situation wechselt die musikalische Untermalung von Pop zu Klassik, dann eine Prise Funk, und wenn es sein muss, gerne auch ne Prise Rock. „Love Exposure“ zieht auch hier alle Register.

Fazit: Ich mochte Sion Sonos Filme schon immer. So diente „Suicide Club“ gar als Einstiegsdroge in meine bis heute anhaltende Film-Manie. Doch mit „Love Exposure“ hat Sion Sono meine Erwartungen bei weitem übertroffen, ich bin tatsächlich hin und weg. Der Film fesselt von der ersten bis zur letzten Minute und packt den Zuschauer nicht selten auch bei seinen Gefühlen. Zweifelsohne fliesst „Love Exposure“ nicht im Mainstream mit, doch wer wissen will, was die Faszination „Film“ wirklich ausmacht, kommt eigentlich nicht an diesem Streifen vorbei. Eine wahre Perle für Cineasten.
Es ist ziemlich selten, dass ich einem Film die volle Punktzahl zuspreche. Doch wie könnte ich einem Film, der mich geballte vier Stunden aus den Socken gehauen hat, nicht die Krone aufsetzen? Ich kann es nicht. Und darum kann es für dieses Meisterwerk nur eine Wertung geben.

Und ich muss gestehen, ich bin mir nicht mehr so sicher, ob „Oldboy“ wirklich mein uneinholbarer Lieblingsfilm ist…

„Love Exposure“ ist wild, schräg, schrill und bunt. Teils romantisch, manchmal erotisch. Dann tieftraurig, dazu gespickt mit roher, blutiger Gewalt. Religiös, ja Sektenhaft. Und laut. Und schnell. Und vor allem: Ein beeindruckendes Meisterwerk.

10von10

 

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