Gewisse DVDs können bei mir lediglich Nachmittags eingeworfen werden, weil sie für die Abendunterhaltung schlicht nicht geeignet sind. Gründe dafür kann es einige geben, die Laufzeit beispielsweise. Oder aber auch einfach nur die Aufmachung des Filmes, das Genre oder auch die Story. „
Wenn der Wind weht“ hiess er als, mein gestriger Nachmittagsfilm, ein Trickfilm – und zwar ein Besonderer! Es handelt sich hierbei um den Jubiläumsfilm meiner Sammlung und was wäre ich für ein Filmkritiker, wenn ich den 1’000sten Film in meinem Regal nicht ebenfalls unter die Lupe nehmen würde? Also Player an, Füsse hoch!
Das Rentnerpaar Hilda und Jim leben glücklich in einem idyllischen kleinen Ort in England. Ihren gemeinsamen Lebensabend verbringen sie vornehm mit interessanten Gesprächen, in welchen vor allem Jim ständig versucht seiner Hilda die Welt zu erklären. Als im Radio von einem drohenden atomaren Angriff gesprochen wird entschliesst sich Jim sofort, alle in einer Überlebensbroschüre gefundenen Massnahmen zu treffen und mit dem Bau eines Schutzraumes zu beginnen. Der dann tatsächlich eintreffende Bombenbeschuss zerstört ihr Haus grösstenteils, doch der Schutzraum erwies den beiden den erhofften Dienst – beide kommen mit einem Schock davon. Die Nachwirkungen der Explosion wird allerdings erst in schleichender und unsichtbarer Form spürbar...

Ich sollte an dieser Stelle vorwegschicken, dass ich durchaus ein Anhänger netter Trickfilme bin. Zwar bewegen sich diese jeweils eher in der asiatischen Stilrichtung, doch ab und zu ein nettes Stück West-Cartoon (solange wir nicht von Disney und Konsorten sprechen) kann nie schaden, vor allem nicht wenn ich an Meisterwerke wie „
Savage Planet“ oder – „
Wenn der Wind weht“ denke. Denn was hier 1986 in England aus einer Comicvorlage gezaubert wurde ist schlicht grandios.

Hauptaugenmerk wurde hier klar auf die beiden Hauptprotagonisten gelegt, eigentlich sind die beiden über die gesamte Laufzeit von gut 80 Minuten ununterbrochen am reden, will heissen, vor allem der gute Jim plaudert pausenlos. Interessanterweise sind die Gespräche stets äusserst optimistisch und positiv eingestellt, ganz egal in welcher Situation sich die beiden gerade befinden. Die sich zuspitzenden gesundheitlichen Probleme der beiden Rentner ist allerdings immer spürbar, der Zuschauer wird Zeuge des langsamen Zerfall der sympathischen Hauptfiguren. Das stimmt sehr traurig, wirkt tief dramatisch und hinterlässt ein kratzendes Gefühl in der Bauchregion, denn das Ganze ist derart liebevoll inszeniert, dass man wirklich nicht weiss ob man lachen oder weinen soll. Entscheidend bei dieser Geschichte ist nicht das gesprochene Wort, sondern die eben nicht angesprochenen Aspekte der Katastrophe. Der Plot ist wirklich grandios und lässt kaum einen Zweifel offen, dass wir es hier mit einem absoluten Meisterwerk zu tun haben, welches meines Erachtens deutlich zu wenig Anerkennung findet und mit einer Altersfreigabe von 6 Jahren möglicherweise einem zu jungen Publikum vorgesetzt wird. Der Stoff wiegt schwer – für solch junge Kinderaugen meines Empfindens zu schwer.

Optisch lässt sich bei Trickfilmen immer streiten, auch hier dürften die Meinungen stark auseinander gehen. Ich persönlich konnte mich sehr gut mit der Schlichtheit der Zeichnungen anfreunden, die offensichtlichen „Fehler“ der Proportionen oder räumlichen Begebenheiten wirken zusätzlich sympathisch und betäuben das eigentliche Drama der Geschichte zusätzlich. Dass an gewissen Stellen gar mit Knetmasse gearbeitet wurde fand ich etwas zunächst sonderbar, durch die spärliche Saht dieses Stilmittels aber im Verlaufe des Filmes eher interessant denn störend. Wer auf Hochglanzbilder steht wird hier ein Fiasko vorfinden – wer aber liebevoller Schlichtheit nicht abgeneigt ist wird hier bestimmt glücklich. Musikalisch macht der Film ebenfalls keine grossen Sprünge, etwas enttäuschend vielleicht die deutsche Sprachausgabe – für einen 86’-Film aber trotzdem passabel. Der Titelsong „When the Wind blows“ wurde von
David Bowie gesungen, die gar mit realen Bildern geschmückte Anfangssequenz gewinnt durch diesen Song deutlich an Ausdrucksstärke.

Tja, was soll ich sagen? Der Jubiläumsfilm war ein Würdiger, soviel steht fest. Die Tragik und Schönheit des Filmes ist eine sehr tiefe und wird dem Betrachter lange in Gedanken bleiben, der Film erobert in meinen ganz persönlichen Filmcharts nicht nur in der Sparte „Animation“ einen Topplatz…
Setzt man das ganze Puzzle zusammen bleibt ein beeindruckendes Drama, mit sehr viel Herzblut, ein Film zum lachen, ein Film zum weinen, ein kleines Stück Wahrheit, ein kleines Stück Liebe. Ich komme nicht drum herum dem Film die volle Punktzahl zu geben und ich bin mir sicher, dass mir „
Wenn der Wind weht“ nicht nur als 1’000ster Film in Erinnerung bleiben wird. Wer also wieder mal einen wirklich guten Trickfilm sehen möchte und nicht nur ständig diesen „Ab durch die Hecke“-CGI-Müll oder langweiligen Disney-Blödsinn, könnte hier eine kleine Perle vorfinden…